Schon wieder zuhause und fest im Alltagsgeschäft steckend, freue ich mich regelmässig über "Flashbacks", Erinnerungsfetzen, Bilder, Gedanken, die mich für Sekunden oder Minuten entführen in die Zeit unserer Reise, eine Zeit, die im Rückblick viel zu rasch vergangen ist. Gut verlebte Zeit vergeht wahrscheinlich immer viel zu schnell.
ich musste nicht sehr lange nachdenken, als Rony mich fragte, ob ich Lust auf ein Wochenende mit ihm in Guernsey hatte. Ein paar Tage in trauter Zweisamkeit, nachdem wir über fünf Wochen lang rund um die Uhr das Familienleben gepflegt hatten? Wer würde da schon Nein sagen? Gezögert habe ich nur kurz, als ich mich an meinen ersten Flug von Zürich nach Guernsey erinnerte, vor etwas mehr als einem Jahr. Nur eine einzige Fluggesellschaft bietet Direktflüge von Zürich zu den Kanalinseln an, BlueIslands, die zumindest für mich auf ihrer Homepage einen kompetenten Eindruck machte und bei der ein Flug in wenigen Klicks gebucht werden kann. Wegen einer technischen Panne des Flugzeugs verspätete sich damals aber der Abflug von Zürich um mehrere Stunden. Wir wurden zwar recht ordentlich verpflegt, zumindest, was das leibliche Wohl betraf. Mein Informationshunger wurde nicht von irgendwelchen Offiziellen gestillt, sondern von einer britischen Mitpassagierin, die unter den Angestellten der Fluggesellschaft Bekannte hatte und von diesen jeweils telefonisch den aktuellen Stand der Dinge erbat und ihn mit uns anderen Wartenden teilte. So erfuhren wir denn auch schon vor dem Abflug, dass ein Weiterflug von Jersey nach Guernsey am gleichen Abend nicht mehr möglich sein würde, da der Flughafen auf der kleineren Insel längst geschlossen war. Man brachte uns zwar in einem edlen Hotel auf Jersey unter - doch was ist schon das beste Hotelzimmer, wenn der Liebste bloss acht Flugminuten entfernt in einer schönen Yacht auf einen wartet und man ohnehin bloss zwei, drei gemeinsame Nächte haben würde?
Am letzten Wochenende allerdings klappte alles wie am Schnürchen. Wie ein Scherz mutete allerdings die kleine Runde durch den Flughafen an, die man uns Passagieren, die nach Guernsey weiterfliegen wollten, in Jersey aufbrummte. Alle Passagiere hatten auszusteigen, das Flughafengebäude durch die Ankunftshalle zu verlassen, quer über den Parkplatz zur Abflughalle zu marschieren, dort noch einmal die ganzen Sicherheitskontrollen zu bestehen und dann in dasselbe Flugzeug zu steigen und sich auf denselben Platz zu setzen, auf dem sie kurze Zeit vorher noch gesessen hatten. Die Stewardess brummelte etwas von: "Sicherheitsvorschriften". Der Weiterflug nach Guernsey war mit Sicherheit kürzer als die kleine Extratour rund um den Flughafen. Ob dies ein (plumper) Versuch ist, die Verkäufe des Dutyfree-Geschäfts auf Jersey anzukurbeln?
Wie auch immer. Es hat sich gelohnt. Die beiden Tage mit Rony waren sehr schön, ruhig und entspannt, ein bisschen wehmütig auch, letzte, allerletzte Ferientage eben. Zum krönenden Abschluss schauten wir uns im Burghof des Castle Cornett "A Midsommernight's Dream" von Shakespeare an, gespielt und frech interpretiert von der ebenso brillianten wie komödiantisch meisterhaften Truppe mit dem passenden Namen "Oddsocks". Sie waren so lustig, dass selbst der Regen, der fast ununterbrochen auf uns Zuschauer niederprasselte, fast darüber vergessen ging.
Nach zwei Tagen in Plymouth war es mal wieder Zeit aufzubrechen. Am Montag verliess ich die Queen Anne’s Battery Marina und fuhr in den Plymouth Sound hinaus. Ich wollte nicht nach Salcombe zurück, sondern entschied mich, direkt nach Dartmouth zu segeln. Es war der perfekte Tag dafür: ein stetiger Nordwestwind, keine Wellen, dafür blauer Himmel. Ich überliess dem Autopiloten das Steuern und träumte davon, wie es wäre, so immer weiter zu segeln. Die Ewigkeit war aber nicht von sehr langer Dauer. Nach ein paar Stunden rundete ich Start Point und trimmte die Segel für die letzten Meilen am Wind. Doch um dem I noch das Tüpfelchen aufzusetzen, erschien just vor der Einfahrt in den Fluss Dart ein Seehund vor dem Bug von Blue Alligator.
Dartmouth ist immer noch einer meiner Lieblingsorte an der Westküste Englands. Doch diesmal wurde der Fluss von einer Megajacht dominiert – leider von einer Motorjacht. „Northern Star“ ankerte genau zwischen der Dart Haven Marina und dem Städtchen und ruinierte den Ausblick, den ich von meinem Cockpit aus hatte. Damit nicht genug. Während der Nacht konnte ich die Kompressoren des Monstrums hören. Während wir auf unseren Segelbooten mit dem Strom so haushälterisch umzugehen versuchen, scheint Energieverbrauch auf solchen Schiffen wie der „Northern Star“ keinen Gedanken wert zu sein. Nicht nur war das Schiff über Wasser beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Sie schwamm auch in einem Meer von Licht – dank der Spots unter Wasser. Manche Leute scheinen das zu mögen. Ich bevorzuge die Bioluminiszenz der Meeresbewohner. Viel Strom dürften auch die Lautsprecher gefressen haben, als am Dienstagabend auf dem Schiff eine Party gegeben wurde. Natürlich waren nur geladene Gäste willkommen. Aber der ganze Fluss durfte an den wummernden Bässen teilhaben, die von der „Northern Star“ in Wellen ausgesendet wurden.
Aber ich glaube, in Dartmouth ist man sich Exklusivität gewöhnt. Da gibt es zum Beispiel einen Jachtclub, der zwischen seinen Mitgliedern und den Mitgliedern der allgemeinen Öffentlichkeit (members of general public) unterscheidet. Wie Hunde sind letztere nicht erwünscht. Vergeblich habe ich einen Hinweis darauf gesucht, dass Yachties auf Besuch willkommen wären. Also wandte ich mich als einer der Angehörigen der grossen Mehrheit der Öffentlichkeit ab und trank mein Ale eben im Pub. Am Mittwoch verliess ich Dartmouth für den Sprung rüber nach Guernsey. Wieder war es ein wunderbarer Morgen und als der Wind auffrischte, hob sich meine Laune noch mehr. Aber es dauerte nicht lange, bis hohe, kurze Wellen heranrollten, und die Überfahrt über den Kanal wurde zu einer dieser Schaukel- und Hüpf-Erlebnisse, wie sie typisch sind für diese Region. Immerhin blieben die grossen Schiffe diesmal auf Abstand und nach 12 Stunden machte ich am Warteponton in St. Peter Port fest. Die Reise ist nun fast vorüber. Aber es wartet noch ein Highlight auf mich. Morgen wird Katrin einfliegen und wir werden noch ein Wochenende auf dem Boot zusammen verbringen können. Das nenne ich Glück. Aktualisiert (Donnerstag, den 19. August 2010 um 13:10 Uhr)
Wir sind natürlich nicht nach England gereist wegen der Küche. Aber, ob man es glaub oder nicht, soviel Kreativität wie in der hiesigen Gastronomie findet man kaum irgendwo. Die gewagt, ja abenteuerliche Kombination von Geschmäckern und Zutaten öffnet Horizonte. Ein „Das-geht-nicht“ gibt es einfach nicht. Ich habe schon etwas über eine Pizza geschrieben, die ich in einem eleganten Restaurant in Fowey gegessen habe. Der Name, den man dem italienischen Klassiker gab, war etwas wie Americano. Der amerikanische Teil bestand aus reichlich Ketchup über Rindfleischstreifen. Aber da war noch etwas, das ich erst identifizieren konnte, nachdem ich ein Sandwich mit Speck gegessen hatte, das ebenfalls mit dieser Geschmacksnote versehen war. Es handelte sich um "Brown Sauce". Nome est omen. Sie ist braun und schmeckt irgendwie süss und irgendwie sauer und irgendwie sehr dominant. Im selben Resaurant servierte man übrigens Muscheln nicht nur mit Pommes frites wie in Frankreich, sondern auch mit Chorrizo. Wahrscheinlich tat man das, um sicher zu sein, dass die armen Tierchen auch wirklich tot sind, wenn man sie verschlingt. Das Chilli in den Würsten brachte sie bestimmt um. Leider tat es das auch mit dem Geschmack der Muscheln. Verglichen damit war die Idee, Lasagne mit Pommes frites zu servieren, was wir in Falmouth erlebt haben, geradezu harmlos. Doch warum nicht Jakobsmuscheln, Riesencrevetten und ein Steak mit Pfeffersauce und Pommes auf einem Teller servieren? Das tut man in einem Seafoodrestaurant in Plymouth. Die Kreation wird „Turf and Surf“ genannt. Wenn es der Magen aushält, unbedingt probieren!
"Come on, find an island in your life”, singt der Sänger der “Rough Island Band”. Ich höre die Musik der Bands von den Scillys, um mich ein wenig aufzumuntern. Es regnet und ich bin wieder in der Queen Anne’s Battery Marina in Plymouth. Am Freitag konnte ich Falmouth verlassen, nachdem die Heckreling repariert war. Nick, der Mechaniker von Falmouth Yacht Brokers, der die Reparatur ausgeführt hat, hat perfekt gearbeitet. Die Reling sieht aus wie neu. Vom Unfall ist nichts mehr zu sehen. Das grösste Problem aber war, die Reling wieder dort zu montieren, wo sie hingehört. Zwei Schrauben mussten mit Muttern gesichert werden. Keine einfache Sache, wenn man nur durch eine enge Backskiste an die Sache herankommt und wenn man noch dazu ein grossgewachsener Mann ist wie Nick. Er verbog sich wie ein Schlangenmensch und benutzte jedes nur erdenkliche Werkzeug, um die Muttern zu halten, während ich versuchte, die Schrauben festzuziehen. Ich versteh nicht, warum Werften keine kleinen Menschen einstellen, um auf so verwinkelten und engen Baustellen wie Booten zu arbeiten. Falmouth Week dauerte noch an, als Blue Alligator den Ponton mit Hilfe von Capt’n Bob Burns verliess. Er ist einhand mit seiner Stahljacht Roamer um die Welt gesegelt. Inzwischen scheint er sich vom Segeln verabschiedet zu haben. Die Abende verbringt er zusammen mit einem Freund von einem andern Boot trinkend, singend und von alten Zeiten plaudernd. Seine Hemden sind durchlöchert und der Bauch angeschwollen. Als ich ihn fragte, ob er wieder segeln würde, sagte er etwas von einem Unfall mit seinem Bein und einem Gerichtsfall. Aber er benutzt noch immer den Seglerjargon, und seine Tipps für knifflige Situationen sind durchaus nützlich. Als Blue Alligator den Hafen verliess, wurde sie von der Regattaflotte begleitet. Darunter waren einige der wunderbaren Cornish Working Boats, Gaffelkutter, die so geschickt gesegelt werden wie kleine Jollen, und zwei Klassiker. Während sich die Flotte in der Bucht versammelte, wendeten wir uns nach Osten, und in einem aufkommenden Wind li
essen wir Falmouth hinter uns. Die Reparatur hat mich die vorangegangene Woche auf Trab gehalten. Nun aber fühlte ich die Einsamkeit. Ich vermisste meine Crew sehr, als ich in den Hafen von Fowey einlief. Das letzte Mal war ich auch allein, als ich Fowey erreichte. Aber ich wusste, Katrin und Dario würden am Abend auf ihren Fahrrädern ankommen, und ich sehen noch die Szene vor mir, als Dario als erster in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit die schmale Strasse zum Hafen heruntergebraust kam. Es gab keinen Grund, länger in Fowey zu bleiben, und heute Morgen bin ich um 7 Uhr ausgelaufen. Es alles war ruhig um die Zeit. Nur zwei junge Frauen ruderten auf dem stillen Wasser und winkten, als ich sie passierte, darauf achtend, die Oberfläche nicht allzu sehr zu stören. Als ich aus der Bucht herausfuhr, kam die Sonne über die Hügel und färbte die See tief blau. Die Granitfelsen der Küste waren noch schwarz. Aber darüber war das leuchtende Hellgrün des Grases und die dunkleren Töne der Bäume. Auf Wiedersehen, Cornwall. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. 
Die Farben verschwanden allerdings viel zu schnell wieder. Als ich Rame Head rundete, war der Himmel mit grauen, schweren Wolken bedeckt, und als ich in den Plymouth Sound einlief, regnete es wie unter einer sehr, sehr guten Dusche – nur kälter. Als ich die Queen Anne’s Battery erreichte, war ich durchnässt. Aber vielleicht bleibe ich etwas länger in Plymouth. Ich mag die Stadt. Und es gibt ein Food Festival mit all den Köstlichkeiten, die der Südwesten Englands zu bieten hat! Pastys, Schweinewürstchen, Ales ... und schon mal einen Entenburger gegessen? Interessant.
Aktualisiert (Samstag, den 14. August 2010 um 17:59 Uhr)
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